100 Jahre Scheurebe – verschmäht oder verkannt?

Scheureben 2015Nur ganz vage habe ich noch den Geschmack des ersten getrunkenen Glases Scheurebe in Erinnerung. Ich weiß nicht mehr genau warum, nur dass sie mir nicht geschmeckt hat – die Scheurebe, damals vor gut 40 Jahren. Auch in den folgenden Jahren nicht. In einem steirischen Buschenschank, Anfang der 1990er Jahre, erfuhr ich, dass der frische, fruchtige Sämling 88 mit seiner eleganten Säure, den ich dort gerade getrunken hatte, in Deutschland Scheurebe heißt. Seit dieser Zeit fanden, zuerst österreichische Sämling 88-Weine, etwas später auch deutsche Scheureben vermehrt den Weg auf den häuslichen Tisch – von edelsüß bis trocken.
Die Scheurebe wurde vor 100 Jahren gezüchtet von Georg Scheu, dem damaligen Leiter der Alzeyer Landesanstalt für Rebenzüchtung. Nach seinen Angaben durch Kreuzung von Riesling mit Silvaner, heute weiß man, es war die Kreuzung von Riesling mit der Bukettrebe, deren Eltern Silvaner und Trollinger sind.

„Wir müssen das bauen, was der Weintrinker verlangt!“ soll sich Scheu zur Züchtung neuer Reben geäußert haben. Offensichtlich hat sich wohl der Geschmack in Deutschland in den letzten 20 Jahren stark geändert, oder wie sonst ist zu erklären, dass sich in Deutschland die Rebflächen mit Scheurebe um 60% vermindert haben – von 3.589 ha im Jahr 1995 auf 1423 ha in 2014. Vielleicht ist es aber gar nicht der Geschmack, denn annähernd im selben  Zeitraum sind die deutschen Anbauflächen für Sauvignon Blanc von etwas mehr als 0 ha auf 850 ha gewachsen. Die Aromenspektren von Sauvignon Blanc und Scheurebe sind sich ja nicht ganz unähnlich!

Vielleicht denken aber auch viele, dass die Scheurebe, die sich für viele süße Weine hergegeben hat, wohl weil in restsüßen Weinen ihr feinnerviges Spiel von Säure mit Süße und der reifen Aromatik besonders hervorsticht, für trockene Weine weniger geeignet sei. Oder liegt der Niedergang etwa an den schwerer zu erfüllenden Ansprüchen der Scheurebe an Boden und Mikroklima?

Zeugen des angeführten feinnervigen Spiels sind für mich etwa edelsüße Scheureben von Kracher, mit ihren Aromen tropischer Früchte sowie Noten von Zitrus und Grapefruit. Als Paradebeispiel gilt mir der Westhofener Morstein 2010 Scheurebe Beerenauslese des Weinguts Keller mit Aromen von grüner Traube, Kiwi und Maracuja, einer sehr schönen, rassigen Säure mit toller Balance und einem extrem langen Abgang. Ein genial sortentypischer Wein, der seinen Geschmack förmlich in den Gaumen meißelt.

Wie sieht es aber bei trockenen Scheureben im Einstiegssegment mit Sortentypizität und Säurespiel aus?  Fünf Scheureben des Jahrgangs 2015 zum Einstiegspreis von rund 9  bis 12 €  standen auf dem Prüfstand der Blindverkostung. Drei davon kommen aus Rheinhessen von den Weingütern Kühling-Gillot, Wechsler und Wittmann, da Rheinhessen mit 740 ha auch rund die Hälfte der in Deutschland mit Scheurebe bestockten Rebflächen stellt. Dazu kommt von der Nahe ein 2015er Scheurebe vom Weingut Joh. Bapt. Schäfer sowie ein steirischer Sämling 88 vom Weingut Gross.

Alle verkosteten Weine zeigten eine präsente Säure. Floral mit Aromen von Zitrus, Grapefruit, Mandel sowie leicht steinigen Noten, mit gutem Abgang präsentierte sich der  Gutswein vom Weingut Wittmann als sehr geradliniger, guter Wein. Bei der Scheurebe Qvinterra des Weinguts Kühling-Gillot, standen in der Nase Feuerstein im Vordergrund daneben viel Zitrus und weißer Pfirsich. Der Auftritt, mit guter Struktur im Mund, einer fruchtig-orangigen Säure, die zusammen mit mineralischen Anteilen den schon fast langen Abgang, dieses mehr als guten Weins prägten. Sehr gut der Wein von Katharina Wechsler: Sehr sortentypisch, mit dezenter Nase, im Mund filigran und saftig, mit Aromen von Himbeere, weißer Johannisbeere, weißem Pfirsich, Grapefruit, Maracuja und anderen tropischen Früchten offenbart sich der Wein als wahre Fruchtbombe, die jedoch im Wechselspiel mit der sehr feinen präsenten Säure eine schöne Spannung bis in den sehr guten Abgang aufrecht erhält. „Ordentlicher Wein“ hätte die Bewertung der Scheurebe des Weinguts Joh. Bapt. Schäfer nach der ersten, als auch der zweiten Verkostung am darauffolgendenTag lauten müssen: Eisbonbon sowohl in Duft und Geschmack, sehr frisch durch viel CO2 (Kohlendioxid) – etwas einfach und  eindimensional erschien der Wein bei diesen Verkostungen. Erst am fünften Tag nach Öffnung zeigte der Wein im Duft stark kräuterige Aromen, vor allem Zitronenthymian, im Geschmack eine starke Mineralität, Kräuteraromen sowie Noten von Grapefruit und Orange, dazu einen sehr guten Abgang – was ihn in Gesamtheit als guten Wein klassifizierte. Ein guter Wein auch der Sämling 88 vom Weingut Gross, trotz eines nicht gerade langen Abgangs. Der Wein punktet durch seine fruchtige Vielfalt: Weiße Johannisbeere, Kiwi, Stachelbeere, weißer Pfirsich, Zitrus und Pfefferminz tauchen in Duft oder Geschmack auf. Ein einfach und leicht zu trinkender Wein, der sich auch gut als Essensbegleiter eignet(e).

Fazit: Verkannt oder verschmäht  – was immer, auf jeden Fall zu Unrecht. Alle Weine waren gut bis sehr gut – Sortentypizität und Säurespiel waren für mich am besten erfüllt vom Wein von Katharina Wechsler. Allerdings war die Scheurebe von Kühling-Gillot am schnellsten geleert – vielleicht wegen des Charakters.

Dieser Beitrag geht zurück auf das Thema der Weinrallye #100 „100“ des Monats Juli 2016 des Ausrichters winzerblog.de.

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