Weinreise Aargau

Nach zwei sehr heißen Tagen im Tessin empfing uns im Aargau bedeckter Himmel und regnerisches, kühles Wetter, das sich hinsichtlich der Temperatur nur geringfügig von den besuchten Weinkellern unterschied. Wein aus dem Aargau ist weitgehend unbekannt. Dies nicht nur im Ausland, sondern auch in der Schweiz, da rund 90% des auf rund 400 Hektar erzeugten Weins im Kanton selbst konsumiert wird.

Baumgartner Weinbau

Das Weinbaugebiet Aargau ist im Umbruch, weg von traditionellen Stilen hin zu trockenen, bodengeprägten Weinen mit mehr Frucht und Aromatik. Meist kalkhaltig-tonig auf Juraböden oder sandig-leichten Böden, manche mit Lehm bearbeitet das Weingut Baumgartner in Tegerfelden.
Beginn der 1990er Jahre, nach dem Studium von Weinbau und Oenologie an der Fachhochschule Changins in Nyon, hat Lukas Baumgartner begonnen seine Weine selbst zu keltern. Inzwischen sind seine Frau sowie die drei Kinder bei der Bearbeitung der 10 Hektar Rebfläche im Weinberg als auch in Keller und Verkauf involviert.

Im klaren, modernen Verkostungs- und Verkaufsraum eröffnete der einfache, aber ordentliche 2016 Riesling-Sylvaner Loch, ein Müller Thurgau mit zarter Frucht und leicht nussiger Würze die Verkostung. Gut der 2016 Pinot Blanc Sandacher, nussig in Duft und Geschmack mit leicht vegetalen Noten, etwas Gerbstoff, guter Struktur, einer frischen Säure und einem sehr ordentlichen Abgang. Der 2016 Traminer Loch, mit typischem Rosenduft sowie Litschie und etwas Bergamotte, leicht restsüß mit zarten Bitternoten war konzentriert und mineralisch im Abgang. Ein sehr guter Wein, der Ähnlichkeit mit einem elsässischen Gewürztraminer aufweist.

Die folgenden ersten beiden verkosteten Rotweine gehören ebenso wie die drei verkosteten Weißweine dem mittleren Qualitätssegment der dreistufigen Qualitätspyramide des Weinguts an. Die beiden Rotweine, Garanoir und Gamaret, repräsentieren zwei Klone einer Kreuzung von Gamay mit Reichensteiner.
Einfach und ordentlich der sechs Monate im großen Holzfass ausgebaute 2015 Garanoir Stocken, dominiert von intensiver rote Frucht, Weichsel, Kirsche, im Geschmack auch mit dunkelfruchtigen Anteilen. Gut der 2015 Gamaret Loch mit zarten Fassnoten durch den einjährigen Ausbau in Barriques, mit breiter Frucht, würzigen Noten, mittlerem Körper und milder Säure, im Abgang mit persistierenden zarten Bittermandelnoten.

Dem obersten Qualitätssegment Grand Cru sind die zwei verkosteten Pinot Noir zuzurechnen. Der 2015 Pinot Noir Goldwand mit fünftägiger Kaltmazeration, ausgebaut im großen Holzfass (100 l) zeigte eine dezente Nase, war kirschfruchtig, rund mit gutem Mundgefühl, mildem Tannin und anhaltender Säure – ein guter Wein.
Sehr gut der 24 Monate im Barrique gereifte 2013 Pinot Noir Schwändi: Dunkle Toastingnoten, am Gaumen dazu würzige sowie rot- und dunkelfruchtige Anteile, gute Struktur, vielschichtig, spürbares feines Tannin und angenehm frische Säure mit sehr gutem Abgang.

Pircher

Zu Fuß legten wir die letzte Wegstrecke zum Weingut Pircher in Eglisau zurück – unserem Busfahrer erschien die Straße oberhalb des Rheins als zu schmal. Seit 1988 führt Urs Pircher das Weingut mit 6 Hektar auf Molasseböden, die am Rhein mit Sand durchsetzt sind. Wichtigste weiße Rebsorte ist der Pinot Gris, gefolgt von Müller Thurgau. Bei den roten Sorten dominiert Pinot Noir, bei Pircher so genannt, nur in der obersten, im Barrique ausgebauten Qualitätsstufe. In den beiden untergeordneten Stufen wird die Rebsorte bei Pircher als Blauburgunder geführt, als Einstieg der traditionelle Blauburgunder, ausgebaut im sehr großen Holz gefolgt vom Auslese Blauburgunder mit Ausbau im 500 l Fass.

Verkostungeinstieg war der 2016 Räuschling, kalkig, nussig, mit Apfel, und Birne, schöner präsenter Säure sowie gutem Abgang. Ein guter Wein ebenso wie alle im folgenden verkosteten Weißweine. Der 2016 Müller-Thurgau, mit Pfirsich, Aprikose und zarten Honignoten, leicht restsüss mit guter Struktur; gut auch der 2016 Riesling, dezent in der Nase, mit etwas Steinobst und leichter Restsüsse in schönem Spiel mit der Säure. Der 2016 Gewürztraminer mit in der Nase dominierender Rose, sehr gut eingebundenem Alkohol, einer sehr weichen Säure, einem von zarten Bitternoten begleitetem, guten Abgang. Die verkosteten Blauburgunder erwiesen sich alle drei als gute Weine, wobei man dem 2016 Blauburgunder Auslese und dem 2015 Pinot Noir noch etwas Zeit zur Entwicklung geben sollte.

2016 Blauburgunder: Erdbere, leichte Bauernhofaromen, sehr fruchtig, gut spürbares Tannin, saftig, sehr schöner und guter Einstiegswein zum Essen. 2016 Blauburgunder Auslese: Dezente Erdbeere, zarte Holznoten, kräftiges Tannin, gut spürbare Säure, braucht noch etwas Zeit. 2015 Pinot Noir: Konzentriert mit kräftigem Tannin und ordentliichem Abgang, unbedingt noch liegen lassen.

Kilchsperger

Etwas weiter östlich nahe dem Berg Irchel, in Flaach, lag unser nächstes Ziel, das Weingut Kilchsperger. 4,5 Hektar ist das Weingut groß, in den letzten Jahren häufig von Hagel heimgesucht, weswegen das Weingut dann auch auf Traubenzukauf bei benachbarten Weingütern angewiesen war. Seit 2014 führt der junge Ueli Kirchsperger das Weingut. Zuvor hat er in Oregon, danach in Deutschland im Rheingau beim Wein- und Sektgut Barth gelernt, dann abermals in Deutschland, in Weinsberg das Studium zum Staatlich geprüften Techniker für Weinbau und Oenologie abgeschlossen.

In Deutschland hat er wohl auch seine Vorliebe für die Säure im Wein entdeckt, weswegen er dem Schweizer Usus der Säureminderung durch eine malolaktische Gärung beim Weißwein wohl nur äußerst seltenkaum nachkommt. Animierend waren deshalb auch sein Weißweine, schon der erst verkostete 2016 Müller Thurgau zeigte animierende Säure, neben Grapefruit, Zitrus, nussigen Noten und einer guten Struktur, ein guter Wein, ideal zur Jause. Auch die Cuvée 2016 Sauvignon Blanc – Kernling zeigte eine tolles Säurerückgrat. Der 2016 Kernling (Kernling ist Knospenmutation vom Kerner) fruchtig und leicht mineralisch, beides gute Weine.

Der 2015 Sauvignon Blanc mit gelber Frucht, zarter Holunderblüte, etwas vegetal, vibrierender Säure und einem sehr schönen Abgang präsentierte sich als sehr guter Wein. Überraschend schön die Verknüpfung reifer gelbfruchtiger Aromen mit eher grün anmutenden vegetalen Aromen, zurückzuführen auf Lesezeitpunkte und Ausbau. Die Hälfte der Trauben hat Kilchsperger in der frühen Reife lesen lassen, die restlichen 50% bei optimaler Reife vergärt. Ausgebaut hat er diese Partien getrennt, eine im Stahltank, die andere in Barriques auf der Hefe mit Bâtonnage und nach Ausbau verschnitten.

Der 2016 Pinot Noir ordentlich mit Erdbeeere, fruchtig, frisch, und mittlerem Tannin. Der 2014 Pinot Noir Spätlese: Toastingnoten, fruchtig, würzige Noten, gute Struktur, schöne lebendige Säure, feines Tannin, guter Abgang, sehr guter Wein.

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