Vom Rioja bekannt war mir – Lage: vom kantabrischen Gebirge entlang des Ebro westlich und östlich von Logroño; Größe: ~ 65.00 Hektar auf drei Regionen verteilt, Rioja Alavesa, Rioja Alta, Rioja Baja; Hauptrebsorten: Tempranillo, Garnacha Tinta, Mazuelo, Graciano (rot), Viura, Malvasia, Garnacha Blanca (weiß). Ansonsten war Rioja jedoch für mich sehr unentdeckt. Die diesjährige Weinreise der Weínakademiker Mitte Mai ins Rioja bot Abhilfe und gleichzeitig auch die Gelegenheit vor Ort zu erfahren wie Weinberge bearbeitet, Wein gemacht wird und eine Vielzahl von Rioja-Weinen zu verkosten.

Artuke

Der erste Besuch unserer Rioja-Reise galt dem Weingut Artuke, dessen Name von den beiden Brüdern Arturo und Kike de Miguel Blanco herrührt, die das Weingut auch leiten.
Die 22 Hektar Weinlagen des Guts befinden sich in etwa 400 bis 650 m Höhe an den Hängen der Sierra Cantabria in Rioja Alavasa, dem baskischen Anteil der Rioja-Region. Dort ist das Klima sehr stark von atlantischen Einflüssen bestimmt. Hin und wieder führt dort und auch in Rioja Alta später Frost zu starken Ertragseinbußen, so wie in diesem Jahr. Am 28. April hatten Temperaturen von annähernd -4° C zu unterschiedlich hohen Einbußen geführt – bei Artuke sind die Lagen für den Einstiegswein zu 80% geschädigt. Ein Zukauf von Trauben aus dem wärmeren Rio Baja, kommt für Arturo de Miguel Blanco nicht in Frage. Erlaubt wäre es nach den gültigen DOCa-Vorgaben. Rioja‘n Roll, eine Vereinigung von acht jungen Weingütern, bei der Artuke seit 2015 Mitglied ist, führt in der Regel nicht die klassischen Reifungsetiketten (Crianza, Reserva, Gran Reserva), vor allem auch deswegen, weil sie einige der Vorgaben als nicht mehr ganz zeitgemäß ansehen. Artuke macht eher Riojas im modernen Stil, d.h. fruchtgeprägte Weine, manchmal mit vegetalen Noten oder schwarzem Pfeffer und einer guten Struktur sowie meist kräftigem, samtigen Tannin. Beim klassischen Stil hingegen ist der Wein eher bestimmt von Fass- und Reifungsnoten sowie daraus resultierenden Gewürzaromen, manchmal auch mit floralen und animalischen Anteilen, sowie feinem Tannin. Gut gefallen hat mir der Pies Negros 2015 (13 €), ein Wein aus 85-90% Tempranillo und 10-15% Graciano, der auf kalkigen Böden in 550 bis 620 Metern Höhe seine Kirsch- und Johannisbeer-Aromen entwickelt hat. Zudem prägen ihn würzige Noten, das kräftige Tannin und der anhaltend fruchtige Abgang. Sehr gut der Finca de los Locos 2015 (26 €), dunkelfruchtig, dunkle Kirsche, Pflaume, leicht medizinische Noten, gute Struktur, kräftiges Tannin und guter Abgang.

La Rioja Alta

La Rioja Alta, einer der angesehensten Produzenten in La Rioja Alta, darf den Namen des gleichnamigen Untergebiets des Rioja nur deshalb führen, weil es bereits im Juli 1890 in Haro gegründet worden war, also lange bevor die Rioja DOCa entstanden ist und damit auch erst die Benennung der Gebiete des Rioja vollzogen worden ist. Das Gründungsjahr 1890 und 1904, das Jahr des Zusammengehen mit den Bodegas Ardanza, findet sich im Namen der beiden Spitzenweine des Weinguts wieder, den beiden Gran Reservas 890 und 904. Im Jahr 2010 besaß das Weingut mehr als 500 Hektar Rebfläche in Rioja Alta und annähernd 100 Hektar in Rioja Baja, 30.000 Fässer sind im Einsatz. Wesentliche Änderungen wurden in den letzten Dekaden bei der Weinreifung vollzogen: Das durchschnittliche Alter, der zum Einsatz kommenden Barriques wurde von rund 10 Jahren auf 5 Jahre reduziert. Bei einigen Weinen wurde auch die Reifungsdauer verkürzt, beispielsweise von acht auf sechs Jahre bei der Gran Reserva 890. Infolge des gesunkenen Durchschnittsalters der Fässer werden jetzt an die 4000 Fässer jährlich direkt vor Ort in Haro als Ersatz älterer Fässer produziert. La Rioja Alta war zudem treibende Kraft bei der Herstellung einer automatischen Fass-Waschmaschine, die im Weingut jetzt zum Einsatz kommt.
Im stilvollen Salón D. Guillermo verkosteten wir die Weine des Weinguts. Der gute bis sehr gute Viña Ardanza 2008 (20 €), zu 80% aus Tempranillo, ergänzt mit 20% Garnacha aus über 500 m hoch gelegenen Weinlagen des Rio Baja, präsentierte sich elegant und dicht zugleich, mit Noten von Kaffee, Tabak und Kakao sowie fruchtigen Aromen von dunklen Johannisbeeren und Pflaumen, sehr feinem Tannin und einem guten Abgang. Sehr gut die dichte Gran Reserva 904, 2007 (40 €) aus 90% Tempranillo und 10% Graciano. Dunkle Fassnoten, etwas Zimt und Kardamom, dazu Trockenpflaume, eine ansprechende Säure und einen guten, langen Abgang.

López de Heredia – Viña Tondonia

Der erste Eindruck, Tradition und Moderne verbinden sich: Im modernen Verkaufs- und Verkostungspavillon der bekannten Stararchitektin Zaha Hadid ist der Tondonia-Stand der Weltausstellung 1910 ein Blickfang. Bei Eintritt in den Weinkeller umfängt einen jedoch dann eindeutig Tradition – 150 Jahre alte Fässer empfangen uns. Erika, unsere nette, sehr informierte Führerin, berichtet welche Bedeutung die Tradition auf dem Weingut López de Heredia hat. Der junge Rafael, Sohn einer chilenischen, im Baskenland lebenden Familie, hatte sich bei seinen Studien in Frankreich in den 1870-Jahren für Wein begeistert. Er zögerte nicht, als ihm französische Weinhändler anboten als Mittler und Übersetzer im Rioja zu arbeiten, sah er doch sein Ziel, den elegantesten Wein der Welt herzustellen in greifbare Nähe gerückt. Bereits 1877 gründete er sein eigenes Weingut, nahe des Bahnhofs von Haro. Mit der Zeit entwickelte er die Art und Weise, wie seine Weine hergestellt werden müssen, um sie so elegant zu machen, wie es ihm vorschwebte. Es scheint, als ob sich bis heute nichts an der Herstellungweise der Weine geändert hat: Sei es, die Ernte der Trauben in fast mannshohe Compartern aus Pappelholz, die Beigabe, von zu Zylindern zusammengebundenen Weinreisern als Filter zu den eingemaischten, gärenden roten Mosten, die halbjährlich händische Umfüllung der Weine in andere Fässer unter Kontrolle eines von einer Kerze hinterleuchtetem Weinglases, oder auch die achtjährige Brache, respektive Getreidebepflanzung, von etwa 30 Hektar Rebfläche. Bei 170 Hektar Gesamtrebfläche sind das fast 20% des potenziell erzielbaren Umsatzes, der dadurch ausfällt. Man hat den Eindruck der Umsatz sei sekundär, dies umso mehr als es bei López de Heredia – Tondonia üblich ist, den Fassausbau länger durchzuführen als vorgeschrieben. Die Reservas reifen insgesamt 10 – 11 Jahre, davon etwa je die Hälfte der Zeit in Barrique und in der Flasche – vorgeschrieben ist nur eine dreijährige Reifezeit, ein Jahr davon im Barrique. Beeindruckend auch das tief im Boden, in bergmännischer Weise angelegte, weit verzweigte Weinlager mit rund 3.500 qm und mehr als 12.000 Fässern. Verkostet haben wir, an einer wunderschönen alten Weintheke, drei Weine aus drei unterschiedlichen Lagen. Der gute, sehr grazile Viña Cubillo Crianza 2008 (16 €) aus 65% Tempranillo, 25% Garnacha sowie aus Mazuelo und Graciano, zeigte zarte rote Frucht, sehr frische Säure und einen guten Abgang. Ausgezeichnet sowohl der Viña Bosconia Reserva 2005 (22 €) als auch der Viña Tondonia Reserva 2004 (24 €). Der Bosconia 2005 mit roter Frucht, ansprechender Säure, feinen Tanninen, ein ungemein eleganter Wein mit langem Abgang. Der Tondonia 2004 mit dunklen Fassnoten, etwas Tabak, Leder und ganz zart oxidativ, guter Säure überzeugte mit sehr feinen Tanninen und eleganter Struktur.

Remelluri

Umgeben von den eigenen 100 Hektar, meist südlich ausgerichteten, 550 und 850 m hoch liegenden Weinbergen, thront das Anwesen Remelluri, das wir an diesem regnerischen, für Rioja eher sehr unüblich kühlen Maitag besuchen. Hinter dem Anwesen steigt die Sierra de Toloño bis über 1200 m über Meereshöhe empor. Den Besitz haben 1967 der Baske Jaime Rodriguez Salis und seine Frau erworben, nachdem dieser wohl über Jahrhunderte klösterlicher Besitz war. Seit 2009 wird der Betrieb von ihrem Sohn Telmo Rodriguez und ihrer Tochter Amaia geführt.
Bei Remelluri wurden sukzessiv alle verschiedenen Erziehungssysteme auf die Buschweinerziehung zurückgeführt. Wichtig für die Weinherstellung bei Remelluri ist, ausschließlich auf eigene Trauben zurückzugreifen. So werden die früher in die Reservas eingebrachten Trauben angrenzender, aber nicht zum Weingut gehörender Lagen, heute unter Lindes de Remelluri (13 €) vermarktet, wobei bedingt durch die Herkunft zwei Varianten von Lindes existieren, Viñedos de Labastida und Viñedos de San Vicente. Bei der Maischung wird Wert auf lange Standzeiten gelegt. Der Ausbau der Weine erfolgt zu 90 % in französischer Eiche. Das ist anders wie im Rioja üblich, wo sonst überwiegend amerikanische Eiche eingesetzt wird, um den Wein langsamer reifen zu lassen – wie es heißt. Seit 2012 ist das Weingut  biologisch zertifiziert und derzeit erfolgt die Umstellung auf biodynamische Wirtschaftsweise. Von den verkosteten Weinen sehr gut gefallen haben mir die beiden Remelluri Reservas. Die Remelluri Reserva 2010 (22 €) dunkelrot-fruchtig mit Pflaume sowie Kaffee und Schokolade, feines Tannin präsentierend und zarte Mineralität im guten Abgang. Die Remelluri Reserva 2009 (22 €) mehr rotfruchtig, wirkt am Gaumen etwas kühler, schlanker und mineralischer, zeigt sehr feines Tannin und gibt sich sehr elegant mit gutem Abgang. Noch etwas besser die Remelluri Gran Reserva 2009 (49 €): Viel reife, rote Frucht, etwas kreidig, frisch, mit guter Struktur und leichter Holzsüße sowie kräftigem, jedoch feinem Tannin.

Sierra Cantabria

Eduardo Eguren, Enkel des Gründers des Eguren-Imperiums, empfängt uns auf Viñedos de Paganos, einem der drei Weingüter die von der Familie Eguren im Rioja betrieben werden: Sierra Cantabria, Señorío de San Vicente und eben Viñedos de Paganos. Zwei weitere Bodegas betreibt die Familie, die Dominio de Eguren in Kastillien-La Mancha und weit bekannter Teso La Monja in der DO Toro. Bekannt nicht zuletzt deswegen, weil der derzeit teuerste Wein Spaniens von daher kommt, der dazu immer ausgezeichnete Bewertungen hat. Auch die Weine von Paganos, wie beispielsweise die Lage El Puntido und vor allem auch die nur 17.500 qm große Lage La Nieta gehören zu ausgezeichnet bewerteten Weinen. Biodynamisch werden die Trauben erzeugt, was in diesem Fall auch bedeutet, dass keine überschüssigen Trauben durch Grünlese entfernt werden. Grünlese störe die anderen Trauben beim Reifen, so Eduardo Eguren und idealerweise sollte der Boden, respektive seine Fruchtbarkeit so abgestimmt sein, dass sich eine Grünlese erübrigt. Das in jedem Fall abzustimmen erfordert Einsatz und Präzision. Die sich anschließende, sehr professionelle Präsentation im Familienweingut Señorío de San Vicente und der Weine der Weingüter des Rioja und von Teso la Monja zeigte, dass beides vorhanden ist und auch in Weinberg und Keller sehr präzise und engagiert gearbeitet wird. Eine ganze Reihe von Weinen haben wir probiert. Sehr gut die Sierra Cantabria Crianza 2013 (11 €) mit viel roter Kirschfrucht, Vanille, zart röstig, Kaffe und präsentem, rundem Tannin sowie gutem Abgang. Ausgezeichnet der Sierra Cantabria Coleccion Privada 2014 (31 €): Sehr fruchtig, dunkle Kirsche, Heidelbeere und Pflaume, zart floral, leichte Holzsüße, Kaffee, Schokolade und etwas Vanille. Der El Puntido 2007 (35 €) von Viñedos de Paganos zeigt viel dunkle Frucht, Brombeere kombiniert mit röstigen Aromen, etwas Lakritze und Karamell, guten Körper, ansprechende Säure und spürbares, aber weiches Tannin und einen sehr guten Abgang, ein ausgezeichneter Wein. Ebenfalls ausgezeichnet der San Vincente 2007  (39 €) zu 100% aus der besonderen Tempranillo-Variante Peludo der 18 Hektar-Lage La Canoca gekeltert und 20 Monate überwiegend in französischer Eiche ausgebaut. Fruchtig mit überwiegend Heidelbeere und etwas roter Frucht, Noten von Lebkuchen, zarter Kakao, sehr gut eingebundenes Holz, feines Tannin, eleganter Wein.

Zu Rioja-Reise (Teil II)

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